Restauration der Kirche zu Komptendorf
Die Glocken im Turm einer Dorfkirche haben vielerlei Aufgaben. Sie künden von freudigen Ereignissen, von jungen Menschen, gerade erst geboren, der Taufe, von Hochzeiten, aber auch vom Tod eines Mitmenschen. Sie läuten zu sonntäglichen Gottesdiensten, zu kirchlichen Feiertagen und zu Höhenpunkten im gesellschaftlichen Leben, wie zum Jahreswechsel. Doch die Glocken im Turm der Komptendorfer Kirche taten es nicht immer. Im Jahre 1989 schwiegen sie schon knapp 2 Jahre. Was war passiert? Klaus-Dieter Nawrot war von 1981-1995 Pfarrer in Komptendorf In seine Amtszeit fielen aufwendige Restaurierungsarbeiten an Turm und Kirche. Uber die mannigfachen Widrigkeiten, mit denen er dabei zu kämpfen hatte, berichtet er im folgenden selbst.
Am 20. Juli 1983 löste sich die mittlere Zinne aus dem Mauerwerk der Westseite des Kirchturmes zu Komptendorf heraus und stürzte ab. Ein großes gähnendes Loch war zu sehen.
Schon am 21. Juli war ich mit dem damaligen Superintendenten des Kirchenkreises Cottbus, Manfred Koch, beim Rat des Kreises, um den Schaden zu melden und einen Bilanzierungsantrag (für Baukapazitäten- und Materialien) einzureichen. Wir gingen davon aus, dass es keine kurzfristige Hilfe geben würde. Die Beseitigung des Schadens wurde von Fachleuten auf 30.000 DDR-Mark geschätzt. Ende Juli ’93 ging ich, ausgerüstet mit einer Brechstange, auf den Turm der Kirche, um die rechts und links nun freistehenden und bedenklich locker gewordenen Zinnen und loses Mauerwerk herauszubrechen. Ich wollte nicht riskieren, dass Personen durch herabstürzendes Mauerwerk geschädigt werden würden.
Trotz häufiger Anfragen beim Rat des Kreises musste der GKR mehr als zwei Jahre untätig sein. Durch die Witterungseinflüsse erhöhte sich der Schaden erheblich. Es wurde Kontakt zu Bergsteigern aufgenommen, um das Mauerwerk wenigstens durch ein Schutzdach provisorisch abzudecken. Da nur zwei Bergsteiger zur Verfügung standen, habe ich tatkräftig bei der Errichtung dieses Schutzdaches mitgeholfen. Nach Beendigung der Arbeiten wurde ich, sozusagen als Belohnung, zu meiner Freude an der Außenwand des Kirchturmes abgeseilt.
Während eines Gespräches beim Rat des Kreises, Abt. Inneres, wurde mir u.a. gesagt: “Sie haben doch eine reiche Partnergemeinde in der BRD. Wenn diese den Bau finanziert, dann würde es schon Lösungsmöglichkeiten geben.” Ein solches Ansinnen habe ich kategorisch abgelehnt: “Solange ich Pfarrer in Komptendorf bin, wird es eine solche Lösung nicht geben, denn dann würde der Kirchengemeinde und den Verantwortlichen beim Rat des Kreises die Verantwortung für das Baudenkmal “Kirche Komptendorf’ abgenommen werden.
Wir möchten als Kirchengemeinde durch unsere finanziellen Mittel und Spenden von einzelnen Gemeindemitgliedern mit DDR-Mark unsere Kirche eigenverantwortlich finanzieren.” Beim Durchblättern meiner Kalender von 1986 bis 1989 finden sich nicht weniger als 29 Gesprächstermine beim Rat des Kreises bzw. dem Kreisbauamt, meist jedoch ohne befriedigendes Ergebnis.
Ein wirkliches “Spitzengespräch” auf Kreisebene gab es erst am 26. Mai 1988. Als Ergebnis dieses Gespräches wurde beschlossen, dass das in vielen Gemeinden dringend benötigte kreiskirchliche Baugerüst unserer Kirchengemeinde zur Verfügung gestellt wird. Wir hofften, wenn die Kirche eingerüstet ist, wird der Rat des Kreises auch einen Baubetrieb und Baumaterialien zur Verfügung stellen.
Am 29. Juli 1988 haben die Gerüstbauarbeiten am Kirchturm begonnen. Es wurde sonnabends von 6 bis 18 Uhr und an den Werktagen von 16 bis 20 Uhr gearbeitet. Alle Arbeiten wurden im 2. AV (zweites Arbeitsverhältnis/Stundenlohn 20 DDR-Mark) durchgeführt. Sie kosteten der Kirchengemeinde etwa 10.000 DDR-Mark.
Am Mittwoch, den 10. August, wurde das Gerüst von der Staatlichen Bauaufsicht abgenommen. Da es in den folgenden Wochen keine Anzeichen einer Aktivität gab, habe ich für den 7. Oktober (Nationalfeiertag der DDR) eine öffentlichkeitswirksame Aktion meinerseits angekündigt. Ich wurde gebeten auf diese Aktion zu verzichten, denn nun würden sicher die von uns erwarteten Schritte eingeleitet.
Schon am 12. Oktober erhielt unser Architekt, Herr Kaltwang, von der staatlichen Bauaufsicht die Anordnung, dass das Gerüst nicht mehr betreten werden dürfte. Trotz baupolizeilicher Sperrung habe ich vor den Wintern ’88 und’89 die etwa 1500 Kupplungen an der Rüstung mit Graphit winterfest gemacht.
Anfang Februar ’89 kam es zu einem außerordentlichen Gespräch im Amtszimmer des Pfarrhauses Komptendorf Es nahmen teil: Dr.Pursche – Staatliche Bauaufsicht Bezirk Cottbus, Herr Schuster – Bezirksdenkmalpfleger, Herr Haugstein – Bezirksbauamt, Herr Tracksdorf – Kreisbaudirektor, Herr Fritsch – Rat des Kreises, Herr Hoffmann – Staatliche Bauaufsicht, Herr Kaltwang – Projektant, Oberbaurat Richter – Konsistorium, Kirchenältester Helmut Walter und ich.
Es wurde hart verhandelt und der Kirchengemeinde nicht durchführbare Auflagen erteilt (u.a. Abbau des losen Mauerwerks durch Hubschraubereinsatz). Kaltwang bot eine Alternativlösung an. Diese wurde als realisierbar angenommen.
Anfang März 1989 wurde dann am oberen Turmbereich eine Spezialverschalung angebracht, die “einzwängte”. Selbstverständlich mussten die Verschalung und die den gesamten Kirchturm Fachkräfte, die damit umgehen konnten, von der Kirchgemeinde, sprich Architekt und Pfarrer, organisiert werden.
Wenige Tage später wurde endlich ein Baubetrieb benannt, der die Instandsetzungsarbeiten durchführen sollte. Die Tätigkeit dieses Betriebes (2 Fachkräfte und ein Handlanger) begannen am 13. März. Es wurden im unteren Turmbereich Verfugungen vorgenommen und einige Feldsteine ausgewechselt.
Wegen Baumaterialien (Steine im Klosterformat) wurde häufig, aber immer ergebnislos, telefoniert. Einmal überraschte ich den Betriebsleiter, wie er während eines Telefonates im Amtszimmer sich an meinem Schreibtisch zu schaffen machte. Später stellte sich heraus, dass auch er IM der Staatssicherheit war.
Als kurz vor Ostern die erste Teilrechnung gestellt wurde, gab es zwischen dem Betriebsleiter und mir eine heftige Auseinandersetzung, weil nicht durchgeführte Leistungen bezahlt werden sollten. Nachdem etwa 14 Tage keine Bautätigkeit stattfand, bin ich in den Betrieb nach Kolkwitz gefahren. Hier wurde mir eröffnet, dass durch die Staatliche Bauaufsicht das Betreten des Gerüstes wieder untersagt worden ist. Diese Anordnung ging auf Initiative des Baubetriebes zurück. Die staatlichen Stellen schoben das Problem meiner Meinung nach wieder auf “die lange Bank”.
Aus heutiger Sicht bin ich davon überzeugt, dass am Kirchturm keine umfangreichen Sanierungsarbeiten durchgeführt werden sollten. Im Frühsommer haben wir aus der Notlage heraus Kontakt zu unserer Partnergemeinde Köln-Bayenthal aufgenommen, um sie nun doch in unsere Planung einzubeziehen und sie zu bitten, uns die benötigten Klosterformatsteine zu beschaffen und zu finanzieren.
Im September ’89 kam es zu einem Treffen zwischen Pfarrer Siegfried Weiß, einem Vertreter des Konsistoriums, des Diakonischen Werkes und mir. Uns wurde die Beschaffung und Finanzierung der benötigten Steine zugesagt. Ein Satz ist mir bisheute in Erinnerung geblieben: “Herr Pfarrer Nawrot, welchen Farbton benötigen Sie für Ihre Kirche in Komptendort?” Sechs Wochen später wurden die Steine in Komptendorf angeliefert.
Am 7. Oktober ’89 realisierte ich die Ankündigung des Vorjahres. Ich habe 2 Sperrholzplatten (1,5 x 1 .5m) mit folgendem Text beschrieben: “Schaden seit 20. Juli 1983″ und “Wie lange noch?”.
Diese beiden Platten brachte ich in der 6. Etage der Rüstung an. Danach habe ich alle bis zur dieser Etage führenden Leitern aus dem Gerüst ausgebaut, damit die Platten nicht entfernt werden konnten.
Nach etwa 20 Minuten bekam ich Besuch vom ABV (“Abschnittsbevollmächtigter” = Polizist) und dem Bürgermeister. Unter Androhung von Strafe wurde ich aufgefordert, diese beiden Platten sofort zu entfernen. Dieser Aufforderung bin ich selbstverständlich nicht nachgekommen.
Es hat einige Telefongespräche gegeben. Gegen 21 Uhr rief mich der Leiter der Abteilung Inneres beim Rat der Kreises Cottbus an. Er sagte: “Herr Nawrot, Sie haben mit Ihrer Aktion erreicht, was Sie erreichen wollten. Die nötigen Stellen sind angewiesen, das Problem aus der Welt zu schaffen. Können Sie die Schilder vor dem morgigen Gottesdienst abnehmen?” Ich habe ihm gesagt: “Wenn ich erreicht habe, was ich erreichen wollte, nämlich dass sehr bald etwas für unseren Kirchturm geschieht, dann muss ich nicht unnötig provozieren. Ich werde die Schilder vor dem Gottesdienst abnehmen.”
Am Sonntag, den 8. Oktober 1989 um 9.30 Uhr bin ich dann mit Kittel und Schutzhelm auf die Rüstung gestiegen, um die Schilder zu entfernen. Plötzlich hielt unten auf der Straße ein “Volvo”, besetzt mit 4 Personen, zwei in Zivil, zwei in Uniform. Einige Augenblicke zögerte ich, die Schilder abzumachen, denn ich war “sauer” über diese Kontrolle. Aber ich hatte ja mein Wort gegeben. Ich entfernte die Schilder.
Im Gottesdienst um 10 Uhr hatten wir vier unbekannte Personen zu Gast. Natürlich ahnte die Gemeinde sofort, in wessen Auftrag sie am Gottesdienst teilnahmen. Ich begrüßte sie besonders. Teilweise haben sie sogar versucht, die Choräle mitzusingen. Am Schluss des Gottesdienstes habe ich mich ihnen noch einmal besonders zugewandt und deutlich gesagt, was ich von der Art und Weise der Mitarbeiter der Staatssicherheit vor dem Gottesdienst gehalten habe. Ich habe ihnen mit auf den Weg gegeben: “Bitte grüßen Sie Ihre Vorgesetzten und sagen Sie ihnen, wenn ich ein Versprechen gebe, dann halte ich es auch. Die Dienstzeit und das verfahrene Benzin von Cottbus nach Komptendorf und zurück hätte sinnvoller genutzt werden können.
Der Schluss ist schnell berichtet: Die Ereignisse des Herbstes ’89 haben neue Voraussetzungen geschaffen. Im Frühjahr 1990 nahmen wir Kontakt zu der sich reprivatisierenden Forster Baufirma Mattig & Lindner auf. Sehr bald wurden die Verhandlungen konkret und es kam zum Abschluss eines Vertrages.
Im Herbst 1990 haben die Bauarbeiten am Kirchturm Komptendorf begonnen. Über 35 Kubikmeter Mauerwerk mußten abgetragen und neu aufgebaut werden. Es wurde ein Ringanker eingebaut. Die Schadstellen am Kirchturm wurden beseitigt, und er bekam eine völlig neue Außenhaut. Am 13. November 1990 wurde der Turm mit einer goldenen Kugel und einem goldenen Kreuz bekrönt. Die Kosten der Vergoldung trugen allein die Mitglieder des Gemeindekirchenrates (3.000 DM – wenige Wochen nach der Währungsumstellung).
Der Gesamtfinanzierungsumfang des Kirchturmes betrug etwa 400.000 DM. Neben etwa 100.000 DM Eigenmitteln wurden wir großzügig von der neuen Kreisverwaltung unterstützt. Am 24. Dezember läuteten, nach fast zweijährigem Schweigen, die Komptendorfer Kirchenglocken zum Christfest. Im Jahr 1992 wurde die Gesamtfassade mit ihrem wunderschönen Renaissance-Giebel saniert, und im Jahr 1995 wurde das gesamte Dach der Kirche neu eingedeckt (mit Biberschwänzen und Gauben). Somit ist die Komptendorfer Kirche äußerlich ein “Schmuckstück” geworden.
Einen weiteren schönen Eindruck machen die sanierten Straßen und Wege um die Kirche herum. Die 60 m lange ebenfalls sanierte Stützmauer um die Kircheneinfriedung herum gibt das Zentrum des Ortes nun dem ganzen Dorf weithin eine sehenswerte Ausstrahlung. Im Vergleich zu vor 10 Jahren nicht wiederzuerkennen: Die Kirche ist wieder Mittelpunkt des Ortes.
Noch heute zählen zu dem Sprengel Komptendorf 10 Gemeinden, deren Kirchenmitglieder zum sonntäglichen Gottesdienst und Christenlehre kommen. Die 1200 Sitzplätze in der Kirche werden von der Konfirmation bis zum Erntefest und am Heiligabend genutzt.
Pfarrer Nawrot verabschiedete sich nach 14jähriger Amtszeit 1995 von seiner Gemeinde würdig und in bleibender Erinnerung. So trug er doch die Hauptinitiative zur Sanierung der Kirche – dem weithin sichtbaren Wahrzeichen des Dorfes!
Die Gemeinde bleibt ihm dankbar!

